Qui la voce sua soave – Elvira, Akt II
Dieses Stück ist der Beginn der Wahnsinnsszene Elviras. Auffällig ist der Kontrast zwischen der friedlich-verträumten Melodieführung und der Realität, in der Elvira vor geistiger Verwirrung weder Arturo noch ihren Vater wiedererkennt. Aber gerade diese Diskrepanz lässt den Eindruck des Ver-rückt-Seins entstehen: Elvira ist nicht dort, wo ihr Körper ist. Gut möglich, dass diese Stimmung Donizetti zu seiner Wahnsinnszene in "Lucia di Lammermoor" inspiriert hat, die nur wenige Jahre nach den "Puritani" auf die Bühne kam. Der einleitende langsame Teil ist gesanglich insofern herausfordernd als er viel legato und Ausdruck verlangt. Außerdem bewegt er sich hauptsächlich in der Mittellage, die bei Sopranen, die sehr hoch singen können, oft ein wenig dünn ist. Das anschließende allegro moderato hingegen lebt von den zahlreichen Koloraturen, die bis zum Db hinaufgehen und größte Präzision erfordern (mit dabei natürlich abfallende chromatische Läufe, der Jingle des Wahnsinns schlechthin). Ein von Bellini notiertes Eb und ein weiteres, von der Tradition eingefordertes Eb runden die Szene ab.
Aufnahme 1: Mariella Devia (live 1994)
Mariella Devia (geb. 1948) war eigentlich genau das, was weiter oben als „Eiskunstläuferin mit Kurven“ beschrieben wurde. Sie erklomm die höchsten Spitzentöne mühelos, die Koloraturen waren sauber, die Stimme hatte eine angenehme, dunkle Färbung und viel Charisma. Darüber hinaus war die Devia eine "Bank". Was immer sie sag, sie sang es schön und ohne unangenehme Überraschungen. Wie in dieser Aufnahme: Mariella Devia singt so gut, dass man meinen könnte, es sei eine Studio-Aufnahme.
Aufnahme 2: Joan Sutherland (Studio 1963)
Ähnliches kann man über Joan Sutherland (1926-2010) sagen. Auch wenn man sie gelegentlich für ihre unsaubere Aussprache kritisiert hat: Diese Frau war eine Koloratur-Maschine. Präzision, Eleganz, Stil, und das alles verpackt in einer Hülle von dunkel gefärbtem Wohlklang. Diese Version enthält zwar das gesamte von Bellini notierte Ensemble (im Gegensatz zur Konzert-Version der Devia), aber partiturgetreu ist es trotzdem nicht: Joan Sutherland addiert so viele Verzierungen und Koloraturen hinzu, dass man sich vorkommt wie im Salon: mit Thalberg und der Malibran.
Riccardo! Riccardo!… Suoni la tromba – Riccardo und Sir Giorgio, Akt II
Patriotismus hat Komponisten der Romantik schon immer zu Melodien inspiriert, die besonders eingängig sind. Man denke allein an Nabucco oder Aida. Das ist hier nicht anders: Kaum geht es um „Patria, vittoria, onor!“ möchte man eigentlich gleich auf die Straße gehen und mitsingen (oder irgendeine Ersatzhandlung ausführen, putzen zum Beispiel). Ein Duett, das „Suoni la tromba“ sehr ähnlich ist, hatte wenige Jahre zuvor übrigens Auber in seiner Muette de Portici geschrieben („Amour sacré de la patrie“). Gut möglich, dass sich Bellini davon hat inspirieren lassen. Und irgendwie erinnert die später komponierte Nationalhymne Italiens an das, was Bellini hier für seine Puritani geschrieben hat. „Suoni la tromba“ wird von einem Bariton und einem Bass gesungen – eine Kombination, die noch für Komponisten wie Verdi geradezu typisch war. Später hat man diese Stimmkonstellation mehr oder weniger aufgegeben, jedenfalls in der italienischen Oper.
Aufnahme: Rolando Panerai & Nicola Rossi-Lemeni (Studio 1953)
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