Lorenzo Passerini im Interview
TFE: Sie haben bereits Erfahrung mit Bellinis „Norma“ und „La sonnambula“. „I puritani“ dirigieren Sie nun zum ersten Mal.
LP: Ja, genau. Bellini ist ein Komponist, den ich besonders liebe. Mit „La sonnambula“ und „Norma“ hat sich mir eine komplett neue Welt eröffnet. „I puritani“ ist wie sein „Testament“, es ist seine letzte Oper. Er hat natürlich nicht gewusst, dass es seine letzte werden würde, vielmehr stand er am Beginn seines großen Durchbruchs. Die Uraufführung von „I puritani“ in Paris war wahrscheinlich sein größter Erfolg zeitlebens. Er war im Begriff, weitere Opern für Neapel und Paris zu komponieren, und Rossini schätzte ihn sehr. Er war gerade am Sprung zum Superstar.
TFE: Was ist das Besondere an dieser Oper, im Vergleich zu Bellinis anderen Werken?
LP: Bellini verlässt hier nie die Melodielinie; es gibt immer eine Melodie, die uns leitet. „I puritani“ hat auch einen politischen Kontext, aber dieser ist für ihn nicht wesentlich. Zu Beginn erzeugen die Bläser eine Atmosphäre des Kampfes, aber wichtiger sind Bellini stets das Melodische und eine gewisse Sanftheit des Klangs. Der Tenor präsentiert sich etwa, nicht wie in „Norma“, mit heroischen Arien, sondern mit weichem Ton. Oder wenn wir die Cavatina des Pollione aus „Norma“ mit der von Arturo aus „I puritani“ vergleichen: Das ist etwas ganz Anderes. Arturo ist Soldat, aber das kehrt Bellini nicht hervor, und wir haben auch in „I puritani“ einen Chor wie in „Norma“, aber keinen Kriegsgesang. Wichtig ist Bellini, dem Publikum Emotionen zu vermitteln. Die schönsten Melodien, die je geschrieben wurden, sind in dieser Oper versammelt, eine folgt auf die andere. Dabei liegt in der Schlichtheit der Melodien das Besondere – was zugleich eine Herausforderung für die Interpretation darstellt.
[...]
TFE: Wir bringen das Werk in Erl konzertant zur Aufführung. Ist das ein Vorteil, oder fehlt der Oper ohne Szene etwas Wesentliches?
LP: Für Bellinis Opern sind nach meiner Einschätzung konzertante Aufführungen ideal, weil man sich auf die Musik fokussieren und einlassen kann. Bei „Nabucco“ braucht man eine Bühne, ein klarer Fall. Auch bei „La Bohème“ möchte man das Ende szenisch sehen. Aber wir haben beispielsweise mit einer konzertanten „La sonnambula“ in Neapel so großen Erfolg gehabt, dass wir zwei Zugaben geben mussten, und es wurde eine Vierstunden-Aufführung, wie im goldenen Zeitalter der Oper. Wir werden hier in Erl nur kleinere szenische Aspekte einbringen, etwa mit Auf- und Abtritten, wir lassen uns etwas einfallen.
[...]
TFE: Wie ist es, in Erl zu arbeiten, inmitten der Berglandschaft?
Die Arbeitsumstände sind wunderbar, es ist ein tolles Team, ein fantastisches Orchester, ein fantastisches Sängerensemble. Es wird vieles möglich gemacht. Ich habe um drei spezielle Posaunen gebeten und dass ich eine Harfe auf die Bühne bekomme – und das wird alles ermöglicht. In einem durchschnittlichen Theater wäre das nicht so einfach. Es gibt hier keine Routine. Auch dass wir „I puritani“ überhaupt spielen, ist außergewöhnlich, für uns und für das Publikum. Wir bringen es zum ersten Mal in Erl auf die Bühne. Es gibt rundum großen Enthusiasmus, und den brauchen wir für so ein komplexes Opernprojekt – und genug Zeit. Auch dafür wurde gesorgt: Ich habe um mehr Zeit mit den Solisten gebeten, und auch das wurde ermöglicht. Insgesamt haben wir eine sehr gute Probenplanung. Darin liegt die Kraft des Festivals: die besten Bedingungen zu geben, damit wir unser bestes Level erreichen können. Wir müssen keine Kompromisse eingehen. Alles ist möglich.
Das komplette Interview finden Sie in den Programmheften zur Vorstellung.
Die Fragen stellte Martin Riegler.