In offene musikalische Quellen reinhören
Interview: Martin Riegler
Du hast einmal gesagt, dass du mit Ausklang „Musik zwischen Dorf und Welt versammeln möchtest.“ Wie meinst du das?
Unser Motto ist das Zusammenspiel zwischen Dorf und Welt. Erl ist ein ganz besonderer Ort, weil sich in diesem Dorf immer wieder Leute aus der ganzen Welt aufhalten; er ist sozusagen prädestiniert für unser Festival. Wir untersuchen das Wechselspiel zwischen sogenannter „Hochkultur“ mit allem, was man unter „Populärkultur“ versteht: jede Art von „Volksmusik“, vom Jazz über Pop bis hin zur World Music. Wir spielen in den vielen verschiedenen musikalischen Sprachen Programmpunkte, die nicht hintereinander stattfinden, sondern mit dem größten Überraschungsmoment miteinander kombiniert werden. Zum Beispiel wird von einer Schubert-Sonate abgebogen in eine Jazzimprovisation, und dann kommt ein Popsong von Tom Waits, gespielt auf einer E-Gitarre und einem Theremin. Es gibt die unglaublichsten Wendungen, das ist das Besondere an dem Festival.
Nach welchen Kriterien suchst du die künstlerischen Mitstreiter:innen aus?
Zunächst einmal feiert Ausklang die Tatsache, dass es so viele wunderbare Musiker:innen auf der Welt gibt. Und die Zusammenstellung des Programms ist auch eine Frage des Gespürs: Wo finden wir – von der Abfolge der musikalischen Farben her – etwas Überraschendes, das scheinbar nicht zueinanderpasst, aber schlussendlich doch eine gelungene Abfolge ergibt. Meine Aufgabe als Kurator ist es, diese Farben perfekt abzumischen.
Was erwartet uns heuer?
Wir beginnen mit dem Quatuor Modigliani, einem der berühmtesten Streichquartette, das sich die Bühne mit Shuteen Erdenebaatar, einer Jazzpianistin aus der Mongolei teilt, die seit fünf Jahren in München lebt und 2022 den BMW Welt Young Artist Jazz Award gewonnen hat. Dazu kommt Franz Posch, den man von der Sendung Mei liabste Weis kennt, mit der Steirischen Ziehharmonika. So eine Kombination hört man nur bei uns!
Es gibt „Fixstarter“, die öfter auftreten.
Es gibt einige Künstler:innen, die uns über alle drei Tage begleiten. Das ist zunächst Franui als „Taktgeber“. Wir spielen jeden Abend Stücke, die man in dieser Form nur bei Ausklang zu hören bekommt. Am ersten Abend treten wir gemeinsam mit der Multiperkussionistin Vivi Vassileva auf, sie wird als die legitime Nachfolgerin von Martin Grubinger gesehen; dazu kommt Holger Falk, ein Sänger aus Regensburg, der eine unglaubliche Gesamteinspielung der Lieder von Hanns Eisler vorgelegt hat. Der besonders vielseitige und interessante Pianist Herbert Schuch ist auch jeden Tag dabei, er begleitet zu Beginn Holger Falk.
Was folgt am Tag zwei?
Es beginnt wieder das Quatuor Modigliani. Dazu tritt die Theremin-Spielerin Pamelia Stickney, gemeinsam mit Peter Rom an der E-Gitarre. Das ist ein faszinierendes Duo, das sowohl Chormusik von Messiaen auf dieses außergewöhnliche Instrumentarium übersetzen kann als auch den schon erwähnten Popsong. Max Joseph haben wir bei auch uns, vier junge bayerische Musiker in der Besetzung Geige, Gitarre, Tuba und Harmonika, die sehr berührend und authentisch so etwas wie „Neue Volksmusik“ spielen. Außerdem habe ich Julian Prégardien eingeladen, einen der herausragendsten Schubert-Sänger der Gegenwart. Er gestaltet mit Franui und Herbert Schuch ein Programm.
Zum Finale ist auch eine prominente Schauspielerin zu Gast.
Am dritten Abend haben wir zunächst drei wunderbare Solist:innen auf der Bühne: Valerie Fritsch, eine junge Tiroler Cellistin, die die gerade als „Rising Star“ in Europa reüssiert. Dann David Bergmüller, einen spannenden Lautenisten, der den Lautenklang mit Elektronik erweitert. Der dritte Solist ist Herbert Schuch, nachdem er nun zwei Tage lang hauptsächlich als Liedbegleiter zu hören gewesen ist. Wir freuen uns auch sehr auf Caroline Peters, einer der bekanntesten Gegenwartsschauspielerinnen, mit der Franui zum ersten Mal zusammenarbeiten wird. Den Festivalabschluss bestreitet die Jazzrausch Bigband, eine großartige Formation aus München. Da wird es schweißtreibend und wild, und es geht richtig zur Sache.
Da sind viele Stilrichtungen dabei. Passt theoretisch jede Art von Musik in das Festival Ausklang?
Das Format ist bewusst offen, das macht es erst lustig und spannend. Ich möchte nichts von vornherein ausschließen. Ausklang ist keine Crossover-Geschichte, sondern sozusagen „Open Source“: Es sind lauter offene Quellen. Wir nehmen uns gemeinsam mit den Publikum die Freiheit, überall reinzuhören. Das ist etwas Wunderbares, finde ich.
Ausklang, 2. bis 4. Oktober 2025, Festspielhaus Erl