Wie werden Sie die Figur der Lucia zeichnen, als starke Persönlichkeit? Sie ist ein Opfer, zugleich wird sie zur Täterin.
Lucia ist ein wildes, furchtloses Mädchen, eine Draufgängerin, sie liebt Horrorgeschichten. Sie ist eher wie eine Figur aus Wuthering Heights von Emily Brontë: eine romantische Heldin, die auch sehr viel erfahrene Gewalt in sich trägt, und die am Anfang ihre Freundin Alisa, die auf sie aufpassen soll, mit ihren Geistergeschichten geradezu quält. Sie streunt alleine auf schottischen Feldern umher und will die romantischen Geschichten, die sie gelesen und verinnerlicht hat, selber ausleben; gleichzeitig kommt sie aus einer Familie, die, einem Mafia-Clan ähnlich, in jahrhundertealte Blutfehden verwickelt ist. Ein gewalttätiges Umfeld, in dem Frauen brutal unterdrückt und als Ware, als Spielfigur angesehen werden. Im zweiten und dritten Akt ist sie wirklich Opfer und wird furchtbar gequält und misshandelt. Ich finde es aber wichtig, die große Entwicklung der Lucia zu zeigen. Die Auflehnung ist ein zentrales Thema dieser Oper.
Wird dieses schottische Naturmädchen sozusagen auf einen Schlag „erwachsen“ durch die Zwangsheirat?
Lucia hat zu Stückbeginn, also lange vor der Zwangsheirat, schon so einiges erlebt: Die Mutter ist verstorben, der Vater ist offenbar schon lange tot, er ist einer Fehde zum Opfer gefallen. Außerdem ist sie ja bereits zu Beginn der Oper verliebt in Edgardo und riskiert unheimlich viel für diese Liebe zu dem Angehörigen des verfeindeten Clans. Die beiden „heiraten“ ja sogar in ihrer ersten Szene – auch ein Akt der Rebellion. Sie vermählen sich kurzerhand in einer selbst erfundenen Zeremonie, also ohne Priester, mit der Natur als Zeugin. Das ist zur damaligen Zeit eine Provokation, ohne die Kirche zu heiraten. Es ist ein Abschwören der patriarchalen Strukturen, zu sagen: Wir gehören nur der Natur an, die Natur bestätigt unsere Liebe zueinander.
Mutig, damals eine solche Geschichte des weiblichen Auflehnens auf die Bühne zu bringen?
Ja, unbedingt. In Das Theater und sein Double spricht Antonin Artaud von dem Zustand der absoluten Freiheit in der Revolte und fordert vom Theater Bilder einer solchen Revolte, die so eindrücklich sind, dass sie sich geradezu in unsere Netzhaut einbrennen. Ich sehe Donizettis Oper, die eine Welt von glühender Intensität und Leidenschaft zeichnet, in diesem Sinne. Eigentlich bricht sie für mich aus dem Rahmen dessen, was im Belcanto vorstellbar ist, heraus. Lucias Mord wird in der Wahnsinnsszene zu einem verzweifelten, trotzigen Versuch, sich in der Musik eine eigene Welt zu schaffen.
Kann die Oper auch heute noch dazu dienen, um zugleich heraus aus dem eigenen Leben und hinein in extreme Emotionen zu flüchten?
Obwohl die Handlung von Lucia di Lammermoor einem Schema entspricht und Belcanto als Stil bestimmten klar gesetzten Regeln folgt, ist diese Oper ein absolutes Meisterwerk, mit dem der Belcanto auch über seine Grenzen hinaus schreitet, den eigenen Rahmen sprengt – gerade in der Wahnsinnsszene. Da merkt man auch, wie nah der Künstler Donizetti an dieser Figur dran war, wie er sich in sie hineingesteigert hat. Und er hat ihr durch seine Musik eine unglaubliche Lebendigkeit und bewegende innere Welt geschaffen. Das sind Gefühlswelten, die sich nur durch Oper erschließen, und ich glaube, deswegen gehen die Menschen auch nach wie vor in die Oper: Sie erleben Werke aus anderen Jahrhunderten, und finden sie bereichernd, provokativ und spannend.
Die Fragen stellte Martin Riegler.
Lesen Sie das gesamte Gespräch in unserem Programmheft Lucia di Lammermoor.