01. Oktober. 2019

Vorwort zu den Erntedanktagen

Die Zeit des Vorbereitens ist eine schöne, durchaus intensive, aber auch von Spannung geprägte Zeit. Dann müssen die Karten auf den Tisch gelegt werden und natürlich wünscht man sich volle Säle. Dabei machen wir es dem Publikum nicht so einfach.

Natürlich ist Chopin begehrt, normalerweise, aber hier muten wir unserem wissbegierigen Publikum gleich 4 Konzerte zu. Und vier Solisten, die nicht im Wettstreit liegen sollen, aber dem Komponisten verschiedene Farben spielerisch abringen sollen. Es sind junge, am Anfang Ihrer Karriere befindliche Pianisten, aber trotz ihrer Jugend durchaus etablierte „Gewinner“ dabei. Vielleicht ist dieser Marathon dazu geeignet, sich sehr intensiv mit nur einem Komponisten zu befassen. Das wäre schön. Ich persönlich habe Chopin lange unterschätzt, ihn als vordergründigen, um die Gunst des Publikums buhlenden Salonlöwen empfunden. Dann gab es einen verregneten  Sommer und eine fette Kassette mit Claudio Arrau und Chopin . Und dann wurde mir bewusst, in was für einen Kosmos man eintauchen kann, wie vielfältig die Gemütsregungen sind, wie fein diese Musik ist. Machen Sie eine Reise mit Chopin!
 
Eingerahmt wird diese Chopin-Gala von zwei großen Sinfoniekonzerten. Im ersten mit unserem  russischen Freund Uryupin am Pult entdecken wir eine sehr selten gespielte Sinfonie  von Sibelius. Die eigentliche „Zeitrechnung“ bei Sibelius beginnt  mit der Zweiten, aber wie die Zweite verstehen, wenn man nicht weiss, wo sie her kommt? Wie wir doch überhaupt erst unsere Gegenwart verstehen können, halbwegs, wenn wir wissen, wie die Vergangenheit aussah, auf was unsere Gegenwart reagiert: mal gut, mal weniger gut. Neben dem aufstrebenden Dirigenten erleben wir einen Preisträger-Solisten; auch hier ein sich ankündigendes Motto : wir wollen auch im sinfonischen wie Instrumentalbereich die großartigen Künstler von morgen erleben, aufspüren. Das Wort „Star“ mag ich nicht so sonderlich. – Und dann am Sonntag das monumentale Orchesterwerk „Pelleas und Melisande“ von Arnold Schönberg, das prächtige Ablösen von der Vergangenheit, ein Verbeugen vor der Spätromantik und das Ankündigen einer neuen Zeit. Und Lieder von Schönberg wie Marx: zwei Antipoden, denn Marx wollte sich doch nur ungern von der Alten Zeit lösen und fühlte sich missverstanden. Die Ausschnitte aus „Capriccio“ zeigen den Meisterkomponisten; einzigartig , wie mit der Reduktion der Mittel  ein anderer Kosmos aufgestoßen wird. Lothar Koenigs ist arriviert und ich bin froh, dass er zu uns kommt. Es geht also los, auch der Winter kündigt sich an und in wenigen Wochen wird in einer Pressekonferenz der Sommer `20 offenbart: ein reichhaltiges Programmm, auf das wir uns alle freuen.

 

Ihr Bernd Loebe
Künstlerischer Geschäftsführer